Schmied
Die Bedeutung des Schmieds
Das Schmieden ist ein seit der Bronzezeit praktiziertes Handwerk.[1] Schmiede waren vor allem als Waffen-, Werkzeug- und Gerätehersteller von großer Bedeutung und spielten bei der Entwicklung technischer Neuerungen immer eine wichtige Rolle. Im ländlichen Raum war der Schmied noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein unverzichtbarer Handwerker. Sein Arbeitsspektrum war vielfältig. So arbeitete er zum Beispiel als Beschlagschmied für Wagen und Ackergeräte, als Hufschmied, Kunstschmied, Schlosser und Werkzeughersteller. Der Schmied machte wichtige Gerätschaften, wie Sensen, Gabeln, Pflüge, Eggen u.a. für die Bauern ortsnah verfügbar und reparierte sie auch. Das war in der Zeit, in der die Bevölkerung im Dachauer Land bäuerlich geprägt und bei weitem nicht so mobil wie heute war, von großer Bedeutung. Aus diesem Spektrum dürfte die Tätigkeit der Huf- und Wagenschmiede (in der Regel in einer Person) noch herausgeragt haben.
Im 13. Jahrhundert gab es in Altbayern bereits in den größeren Kirch-, Pfarr- und Klosterorten sowie in bürgerlichen Siedlungen Schmiede. Bis zum Erlass der Bayerischen Verordnung von 1810, die eine Ausbildung des Beschlagschmieds vorschrieb, durften bürgerliche Hufschmiede zusätzlich als „Rossärzte“ tätig sein. Die Inhaber der Hardwig-Schmiede in Dachau gelten bis Mitte des 19. Jahrhunderts dafür als klassisches Beispiel. Das unterstrich ihre wichtige Bedeutung für die Bauern in Dachau und im Umland. Viele selbsthergestellte orthopädische Hufeisen, die dem Bezirksmuseum Dachau von der Familie Hardwig überlassen worden sind, zeugen davon. Ab dem Jahre 1852 übernahmen dann Tierärzte die Arbeit der „Rossärzte“.
Der Hufschmied
Um den Hufbeschlag fachgerecht ausüben zu können, waren fundierte Kenntnisse in der Anatomie des Pferdes, insbesondere des Fußes sowie das Wissen um den Bewegungsablauf des Tieres unbedingt notwendig. Das setzte eine entsprechende Ausbildung voraus. Die Ausbildung und Arbeitsbefugnis der Schmiede war zunächst ausschließlich durch Zunftordnungen vorgeben. Mit dem Erlass der Bayerischen Verordnung von 1810 erhielt ein Beschlagschmied nur dann das Recht, seinen Beruf auszuüben, wenn er eine Prüfung an der „Central-Thierarzneischule“ in München erfolgreich abgelegt hatte. Dabei wurde ihm die Ausbildungszeit bei seiner Wanderzeit, der Walz, angerechnet. Auf der Walz sollten die Handwerksgesellen aller Berufe, nicht nur die Schmiede, Erfahrungen sammeln. Über den Tellerrand zu schauen, förderte außerdem die Entwicklung des Berufsbildes: Technisches Wissen konnte weitergetragen werden. Das Prüfungszeugnis galt dem Gesellen außerdem als Zulassungsurkunde, um Meister zu werden, ohne dass er vorher ein Meisterstück fertigen musste.
Der Hufbeschlag war sehr bedeutend. Pferde zählten zum wertvollsten Gut des Bauern, waren dessen ganzer Stolz und das Aushängeschild eines landwirtschaftlichen Betriebes. Die Bauern achteten sehr auf das Wohl ihrer Pferde. Dabei spielte ein guter Hufschmied eine wichtige Rolle. Auf sein Urteil musste man sich verlassen können, wenn ihm der Rossknecht die Pferde vorführte. Alle vier bis sechs Wochen mussten die Pferde neu beschlagen werden. Der erfahrene Hufschmied beobachtete zuvor den Gang des Pferdes und wählte dann die entsprechenden Hufeisen aus. Unterschieden werden musste beispielsweise zwischen den vorderen und den hinteren Hufen. Die Vorderhufeisen müssen am Zehenteil kreisrund, Hinterhufeisen dagegen spitzrund sein. Je nach Größe und Gewicht des Pferdes, seiner Gangart, des Arbeitszweckes, der Bodenbeschaffenheit und Jahreszeit verwendete man verschiedenartige Hufeisen.
Dass die Arbeit in einer Schmiede und der Umgang mit Pferden nicht ungefährlich war, geht aus Berichten früherer Jahre hervor, so auch aus einem Zeitungsartikel von 1934: „Der Dienstknecht, Josef Hermann von Feldgeding, bedienstet beim Landwirt Lachner in Günding, erhielt in der Schmiede von einem Pferd einen wuchtigen Schlag an den linken Oberschenkel, wurde zu Boden geschleudert und musste im Bezirkskrankenhaus Dachau Aufnahme finden.“[2]
Die Schmieden in Dachau
Im Dachauer Land hatten wohl die meisten Dörfer ihren eigenen Schmied. Haus- oder Hofnamen zeugen heute noch davon, auch wenn es die Betriebe selbst nicht mehr gibt. Meist fanden sie als Huf- und Wagenschmiede ihr Auskommen. Nicht selten wurde aber nebenbei noch eine kleine Landwirtschaft betrieben. Die Schmiedewerkstatt umfasste ein ganzes Arsenal von Werkzeugen, das an die jeweilige Ausrichtung der Schmiede (Hufschmied, Wagenschmied u.a.) angepasst war. Verschiedene Hammer und Zangen gehörten dabei immer dazu. Der Amboss und die Esse mit Blasebalg waren der Mittelpunkt der Schmiede und in aller Regel mindestens von drei Seiten aus begehbar.
Eine Aufzählung und Beschreibung der früheren Dachauer Schmieden finden sich in der „Kulturgeschichte des Dachauer Landes – Ehrsames Handwerk“.[3] Einer der ältesten Schmiedewerkstätten war die Huf- und Wagenschmiede der Familie Hardwig, die zeitweise „zum Schmiedhansl“ genannt wurde. Die Schmiede befand sich fast 400 Jahre in der Klosterstraße bis sie 1999 geschlossen wurde. Daneben gab es seit 1637 eine Hufschmiede in der Augsburger Straße im heutigen Optik-Brönner-Anwesen, die damals dem Hufschmied Balthasar Gögginger gehörte. Eine dritte Schmiede befand sich ab 1792 zunächst in der Pfarr- und später in der Wieningerstraße. Schon davor, zwischen 1705 und 1715, hatte in der Pfarrstraße ein Nagelschmied seine Werkstatt. Zu Beginn unseres Jahrhunderts entstanden weitere Schmieden außerhalb des alten Marktbereiches, in der Brucker Straße und in der Münchner Straße. Mit der Technisierung und Motorisierung wurde aus der Schmiede in der Brucker Straße eine Kfz-Werkstatt und aus der Schmiede in der Münchner Straße eine Eisenhandlung.
Das Schmiedehandwerk war so angesehen, dass viele Dachauer Schmiedemeister in den Äußeren Rat des Marktes Dachau gewählt wurden, von 1647 bis 1801 waren es sieben. Zwei davon stiegen in den Inneren Rat auf und Georg Loder konnte sogar das Amt des Bürgermeisters einnehmen.[4]
Veränderungen des Berufs
Eine Spezialisierung bei den Schmieden gab es schon früh, besonders in den Städten mit ihren Zünften und in bestimmten ländlichen Regionen (z.B. Remscheid und Solingen). Dort etablierten sich Spezialisten wie Waffenschmiede, Messerschmiede, Nagelschmiede, Harnischmacher und Kupferschmiede. Daraus entwickelten sich bedeutende Manufakturen und Industriebetriebe im Bereich der Metallverarbeitung.
Zunehmend wurde die Landwirtschaft motorisiert. Georg Schwarz (1926-2020), aufgewachsen als jüngster Sohn auf dem Plabsthof in Facha (Bergkirchen), erzählte 2008 in einem Zeitzeugengespräch dazu:
„1934 haben wir den ersten Bulldog gekriegt, einen 25er Zettelmeyer-Diesel, dazu einen Pflug. Dann ist es halt notwendig geworden, die ersten Anhänger dafür zu beschaffen. Die Wägen, so wie wir sie gehabt haben, waren halt nicht mehr geeignet für den Schlepper. Der ist halt ein wenig schneller gelaufen wie die Ross. Da ist es dann auch schön langsam mit den Anhängern mit Gummibereifung angegangen.“[5]
Die Technisierung der Landwirtschaft hatte unmittelbare Auswirkung auf das Handwerk des Huf- und Wagenschmiedes. Sie mussten sich umstellen, in die Industrie gehen oder den Betrieb aufgeben. In der Zeit des Übergangs wurden die Schmiede zum Teil mobil und fuhren sogar mit dem Fahrrad, ausgestattet mit ihrem Werkzeug und einer mobilen Esse, zu den Bauern.
Der eine oder andere Schmied ist im Dachauer Landkreis auch heute noch zu finden und hat eine Nische für sich gefunden. So eine Nische hat beispielsweise Franz Sandmeier (1927–2013) schon früh besetzt. Er hat ab 1946 in der Feldgedinger Dorfschmiede gearbeitet. Diese stellte zu der Zeit auch landwirtschaftliche Anhänger her. 1948 war er bereits Gesellschafter des Betriebes, der zwei Jahre später in den Landhandel einstieg, zunächst mit typischen Verbrauchsartikeln, dann mit Treibstoffen und Mineralölen. Da die bis dahin übliche Fassbedienung der Kunden zu aufwendig war, konzipierte und baute Franz Sandmeier damals seinen ersten Tankwagen. Im gleichen Jahr, 1951, kam auch der erste Agenturvertrag mit der Deutschen BP zustande. Die Geburtsstunde des Transportunternehmens fällt in das Jahr 1952, zwei Jahre später wurde der Transport von schwerem Heizöl und Bitumen aufgenommen. Wieder einmal betätigte sich Franz Sandmeier als Konstrukteur. Mit der Firma Hörndl wurde der erste freitragende Sattelanhänger gebaut. Der gute Geschäftsverlauf machte neue Firmengründungen notwendig. So entstanden die Franz Sandmeier Transport KG, die Franz Sandmeier Mineralöl OHG und die Franz Sandmeier Verwaltungs-GmbH. In Aichach wurde die Franz Sandmeier Mineralöltransport KG gegründet.[6]
Den Hufschmied aber gibt es immer noch. Er ist in aller Regel mobil, fährt jetzt die Reiterhöfe ab und beschlägt die Freizeitpferde, die dort untergestellt sind. Nutzpferde sind selten geworden. Andere Schmieden sind in metallverarbeitenden Betrieben aufgegangen. An den klassischen Schmied, der an der Esse arbeitet oder Eisenreifen auf die Holzräder der Leiterwagen aufzieht, erinnern in aller Regel nur mehr Museen.
Josef Mayr – der Schmied von Günding
Als ein Beispiel eines Schmiedes, der die Entwicklung seines Handwerks im vergangenen Jahrhundert erlebt hat, kann Josef Mayr, langjähriger Schmied in Günding genannt werden:[7]
„Wenn i in der Werkstatt den Amboss seh, möcht i heit no draufhaun“, hat Josef Mayr 1991 an seinem 100. Geburtstag gesagt. Am 4. April 1891 wurde Josef als Sohn des Schmiedes von Feldgeding, Georg Mayr, geboren. Schon als 10-jähriger stand er ab fünf Uhr früh bei seinem Vater an der Esse. Nach der „Wassersupp‘n“ ging der Seppl um acht Uhr in Bergkirchen zur Schule. Wenn er um 13 Uhr wieder heimkam, gab es meistens „g`stöckelte“ Milch und Brot, dann gings wieder in die Werkstatt. Nur an ganz besonderen Fest- und Feiertagen gab es Fleisch.
Als 13-jähriger Lehrling beim Vater konnte er schon voll im Schmiedehandwerk mitarbeiten. Mit 16 legte er beim Schmiedemeister Hardwig in Dachau seine praktische Prüfung ab, u.a. durch das Schmieden eines Hufeisens. Die Theorie wurde in der früheren Brauereigaststätte Birgmann geprüft. Auf den Einser, den er im Rechnen erhalten hatte, war er besonders stolz.
Mit zehn Mark in der Tasche schickte ihn der Vater 1907 auf die Wanderschaft. Seine erste Stelle fand er in St. Gallen, Schweiz, als Jungschmied beim Schmiedemeister Wehiner. 60 Stunden in der Woche Rösser beschlagen und Wagen bauen, zum Stundenlohn von 48 Rappen, heute ungefähr 25 Cent. In dieser Zeit trat er dem katholischen Gesellenverein bei. Diese Organisation war überall vertreten und unterstützte die Wanderburschen, vor allem bei Unterkunft und Arbeitssuche.
Auf Wanderschaft schaffte er täglich bis zu 65 Kilometer. Seine Stationen waren u.a. Luzern, Köln, Straßburg, Berlin, Kiel und Hamburg. Sein handwerkliches Geschick konnte er beim Beschlagen von Pferden genauso einbringen wie beim Bau von Kutschen. Er machte gute und schlechte Erfahrungen. Einmal hatte er eine Stelle bei einem Schmied im Berner Oberland. „Aber des war a Hund, bei dem hat man`s nicht aushalten können“, erzählte er. So wanderte er weiter, den Rhein hinunter, sprach bei Gesellenvereinen und Schmiedemeistern vor und schlug sich so recht und schlecht durch.
Nach vielen Wanderjahren kam er wieder nach Hause und fing beim „Aumüller“ in der Gabelsbergerstraße in München als Karosserieschlosser an. Hier wurde viel für den Königshof gearbeitet. Beim letzten Schraubstock musste er anfangen, wie jeder Neueingestellte. „13 Schraubstöcke gab es da, der beste Mann arbeitete am ersten“. Er musste nicht lange am letzten Schraubstock arbeiten. Die Ständer für die Gaslaternen, die er damals anzufertigen hatte, fielen zur vollsten Zufriedenheit seines Meisters aus. „Es hat nicht lange gedauert, da durfte ich gleich drei Schraubstöcke weiter vor.“
Bis 1. Mai 1914 arbeitete der jetzt schon versierte Fachmann für einen Stundenlohn von 58 Pfennigen. Damals beteiligte er sich zum ersten Mal an einem Streik. Die Karosseriebauer wollten mehr Lohn und besseren Arbeitsschutz. 1915 fing der damals 24jährige dann beim „Bader“ in der Dachauer Straße in München an. „Diese Firma hatte die Post als Hauptkunden, ich konnte wieder als Beschlagschmied an den Pferden arbeiten.“
Schließlich meldete sich Josef Mayr als Freiwilliger zum Militär. Nach kurzer, strenger Ausbildung musste er an die Front. Er erwarb sich mehrere Auszeichnungen und überstand den verlorenen Krieg ohne Verletzungen. Nach Kriegsende nahm er den Aufbau seiner Existenz in Angriff. Im Alter von 29 Jahren heiratete er Barbara Meisel und erwarb die Schmiede in Günding. 1919 machte er noch seinen Meister als Wagenbauer, 1928 legte er die Meisterprüfung im Hufbeschlagshandwerk nach. Stolz erzählte er gerne, dass er 1924 der erste Gündinger war, der ein eigenes Auto besaß. Das hatte er selbst zusammengebaut – und wurde vom TÜV anstandslos abgenommen.
Von 1939 bis 1945 war Josef Mayr dienstverpflichtet bei BMW, führte aber zu Hause seinen Betrieb so gut es ging weiter. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er wieder in seiner Gündinger Schmiede.
1984 wurde der Huf- und Wagenbauschmied von der Metallinnung für sein 80-jähriges Arbeitsjubiläum geehrt. „Ohne Arbeit is scho greißlig“, bedauerte der Jubilar 1991 noch an seinem 100. Geburtstag.
Den älteren Dachauer Bürgern ist Josef Mayr noch aus der Zeit bekannt, als er seinen Kindern, die das Tanzcafe „Thoma“ gepachtet hatten, zur Seite stand, oder gar aus der Zeit, als er mit Tochter und Schwiegersohn das „Roxy-Filmtheater“ betrieb. Der frühere Schmied von Günding, Josef Mayr, ist am 19. Juli 1993 ganz friedlich, nach einem kleinen Spaziergang, im hohen Alter von 102 Jahren gestorben.
[1] Zum Beruf des Schmieds vgl.: Rüffelmacher, Ingeborg: Ehrsames Handwerk. (Kulturgeschichte des Dachauer Landes, Bd. 5) Museumsverein Dachau e.V. 1992, S. 27-51
[2] Amperbote vom 19.6.1934
[3] „Rüffelmacher: Ehrssames Handwerk, S. 28ff, wie Anm. 1
[4] Ebd., S. 28
[5] Interview mit Georg Schwarz (1926-2020) am 29.11.2008
[6] Aus den Dachauer Nachrichten vom 24.12.1965 und 14.7.1987
[7] Zu Josef Mayr vgl.: Dachauer Nachrichten vom 4.4.1986, 5.5.1991 und 21.7.1993 sowie Süddeutschen Zeitung vom 5.4.1991
Thema: Arbeitswelten - Geschichte(n) über Handwerk und Gewerbe
Autor: Hubert Eberl
Quelle: Name nicht genannt
Ort: Stadt Dachau


