Schuhmacher
In fast allen Dörfern und Städten gab es den Beruf des Schuhmachers bzw. des Schusters. Schuhmacher gehörte zu den am meisten ausgeübten Berufen im Landkreis.[1] 123 Schuhmacher verzeichnet Westenrieder um 1790.[2] Vor der Industrialisierung wurden alle Schuhe von Hand angefertigt. Mit Einführung der maschinellen Schuhproduktion ab etwa 1870 ging das ehemals viele Beschäftigte aufweisende Handwerk stark zurück.
Die Arbeit des Dorfschusters
Schuster gab es früher in jedem größeren Ort. Ein typischer Dorfschuster war der „Gruber Anderl“ in Pasenbach (1883-1965).
Er lebte hauptsächlich von der Reparatur von Schuhen der Dorfbevölkerung. Gelegentlich hat er auch ein Paar neue Schuhe gefertigt, jedoch waren handwerklich gefertigte Schuhe gegenüber den Produkten aus der Fabrik teuer. Für den Gebrauch in der Landwirtschaft und bei den ländlichen Straßenverhältnissen waren robuste Schuhe notwendig. Einen wie heute üblichen Straßenschuh oder einen Halbschuh, verlangte man kaum.
Schuhe wurden genutzt und repariert, bis sie nicht mehr zu tragen waren. Deshalb brachte man sie zum Dorfschuster, damit er sie reparierte, neu besohlte oder die Schuhe flickte. Dieser war darauf eingerichtet und besaß viele verschiedene Leisten, die er bei Bedarf mit Lederflicken an die Größe der Kundenfüße anpasste. Chemische Kleber gab es speziell für Gummisohlen, dazu brauchte man eine Sohlenpresse. Eine Nähmaschine hatte man zum Aufnähen von Flicken und für Schaftreparaturen. Laufsohlen aus Leder wurden von Hand auf die Schäfte genäht, teilweise auch mit Holznägeln genagelt. Waren die Sohlen abgelaufen bzw. abgenutzt, wurden sie entfernt und neue, dicke Rindledersohlen aufgezogen. Die üblicherweise knöchelhohen Schäfte hielten diese Wechsel meist mehrmals aus.
Die Werkstatt
Zu den wichtigsten Einrichtungsgegenständen gehörte die „Schusterbruck“, ein kleiner Podest vor dem Fenster, ein Tischchen für das Werkzeug und die „Schustergeiss“, ein runder Hocker zum Sitzen. Die wichtigsten Werkzeuge waren der so genannte „Tachsfuß“, ein eiserner Dreifuß zum Darüberstülpen der Schuhe. Auf den Knien gehalten wurde der Schuh mit dem „Knieriem“, einer Lederschlaufe, die mit dem Fuß gespannt wurde. Als Arbeitswerkzeuge diente der Schusterhammer, ein spezielles Messer, genannt Schusterkneip, diverse Zangen und verschiedene Ahlen und Bohrer. Raspeln und Feilen nutze man zum Glätten des Sohlenrandes und für die saubere Innensohle. Zum Nähen der Sohle fertigte der Schuster den „Schusterdraht“, einen aus Zwirn verdrillten Faden, am Ende war eine Schweineborste als Nadel angefügt. Er war mit Schusterpech imprägniert, um die Nahtlöcher abzudichten.
Vom Handwerk zur Fabrik
Zu den zahlreichen Schuhmachern in der Gemeinde kam 1921 Hans Wagner. Er wurde 1896 in Jetzendorf geboren und erlernte, wie seine beiden Brüder Lorenz und Adolf, das Schuhmacherhandwerk, das bereits sein Vater und Großvater betrieben.[3] Alle drei waren Begründer der bekannten Marken Lowa (1923) von Lorenz Wagner in Jetzendorf, Hochland (1923) von Adolf Wagner in Weichs und Hanwag (1921) von Hans Wagner in Vierkirchen. Die Markenschuhe Hanwag und Lowa gibt es noch heute.
Hans Wagner hatte sich auf Haferlschuhe, Bund- und leichte Bergschuhe in zwiegenähter Qualität spezialisiert. In Vierkirchen beschäftigte er bereits 1923 vier Gesellen und baute ein erstes, eigenes Haus. Der Betrieb lief so gut, dass Hans Wagner schon drei Jahre später eine größere Werkstatt an dieses Haus anbaute, die im Wesentlichen bis 2006 noch vorhanden war. Im Krieg musste für den NS-Staat produziert werden, nach Kriegsende kam es zu Plünderungen. Bis zum Oktober 1945 lag die Schuhfabrik verwaist. Auch die Arbeiter kamen erst nach und nach aus Krieg oder Gefangenschaft zurück, Flüchtlinge und Heimatvertriebene ergänzten die Belegschaft. Nur langsam kam die Produktion wieder in Gang. Leder musste auf Bezugsschein besorgt werden, auch die Versorgung der Bevölkerung war schwierig. Hans Wagner griff auf seine bewährten Schuhmodelle zurück, bis Anfang der 1950er Jahre wurden wieder Haferlschuhe und ähnliche Gebrauchsschuhe gefertigt. Nach der Währungsreform erfasste das beginnende „Wirtschaftswunder“ auch die Schuhherstellung. Es begann die Nachfrage nach anspruchsvollen Skischuhen, die jetzt vorne rund und aus schwarzem Leder waren. Auch für die modernen Sicherheitsbindungen mussten sie passen. 1957 begann Wagner die ersten Aufträge für Amerika zu fertigen. Was mit einigen hundert Paaren begann, steigerte sich in den nächsten Jahren auf mehrere tausend. Nur mit Mühe konnten mit Hilfe aller verfügbaren Schuster in der Umgebung diese noch handgefertigten, zwiegenähten Skischuhe geliefert werden.
Auch Lorenz Wagner und Adolf Wagner waren mit der Produktion von Ski- und Bergschuhen erfolgreich. 1957 brachte die Firma Hochland von Adolf Wagner den ersten deutschen Schnallenstiefel auf den Markt, denn damals stellte man fest, dass man mit den bisherigen Schnürstiefeln und Bindungen keinen Fortschritt im Skisport mehr erreichen konnte. Der Stiefel musste fester mit dem Ski und der Fuß fester mit dem Stiefel verbunden werden. Ab 1970 war die Firma offizieller Ausrüster der deutschen Ski-Nationalmannschaft. Postkartengrüße mit den Unterschriften der damaligen Stars wie Christian Neureuther und Rosi Mittermaier lassen die Wertschätzung erkennen.[4]
Am Beispiel der Firma Hanwag zeigt sich der Aufstieg vom Handwerksbetrieb zur Fabrik, die sich besonders für Berg- und Skischuhe einen Namen gemacht hat. Produktionsschritte wurden mit besonderen Maschinen bewältigt, verschiedene handwerkliche Tätigkeiten wurden durch Chemieeinsatz (Kleber und Pressen) verändert und von Hilfskräften bewältigt. Hier fanden viele Schuhmacher und Angelernte einen guten Arbeitsplatz. Heute gibt es keine Hanwag-Schischuhe mehr, die Fabrik stellt im Handelsbereich der Fenix-Gruppe jedoch immer noch hochwertige Berg- und Wanderschuhe unter dem Markennamen Hanwag her. Auch die Firma Lowag hat sich auf Bergschuhe spezialisiert. Die Firma Hochland ging in den 70er Jahren insolvent.
Neben der industriellen Schuhproduktion gab es noch einzelne Handwerker wie auch meinen Vater Peter Größ, der sich nach dem Krieg in Esterhofen selbständig gemacht hatte und mit seiner Spezialkollektion von Trachtenschuhen eine Münchner Firma belieferte. Erst die zunehmende Fabrikfertigung und damit die unrentable Handarbeit brachte Mitte der 50er-Jahre die Betriebsschließung. Heute wird die Handfertigung wieder geschätzt und gut bezahlt. Die Ausbildungsdauer zum Schuhmacher beträgt in Deutschland drei Jahre. Der Frauenanteil ist gestiegen, heute sind 37 Prozent der Auszubildenden Frauen. Maßschuhe in Handarbeit kosten heute mehrere hundert Euro und gelten als Luxus. Doch genau genommen hatte man früher im Verhältnis zum Einkommen mindestens genauso viel Geld für Schuhe bezahlt. Heute jedoch leistet man sich sehr viel mehr Schuhe, die jedoch industriell und dadurch kostengünstig angefertigt sind und nicht so lange genutzt werden.
[1] Zum Beruf des Schuhmachers vgl.: Rüffelmacher, Ingeborg: Ehrsames Handwerk. (Kulturgeschichte des Dachauer Landes, Bd. 5) Museumsverein Dachau e.V. 1992, S. 126-135
[2] Lorenz Westenrieder (Hg.): Beyträge zur vaterländischen Historie, Geographie, Statistik und Landwirthschaft samt einer Uebersicht der schönen Literatur. Bd. 4, München: Lindauer Verlag 1792, S. 255
[3] Zur Firma HANWAG vgl. Helmut Größ: Vierkirchen in den 50er Jahren. In: Die 50er Jahre im Landkreis Dachau. Wirtschaftswunder und Verdrängung. (Dachauer Diskurse. Beiträge zur Zeitgeschichte und zur historisch-politischen Bildung, Bd. 9) München 2018, S. 249-273
[4] Fitger, Heinrich: Hochland Schuhfabrik Adolf Wagner. In: Heimatblätter Weichs, 2010
Thema: Arbeitswelten - Geschichte(n) über Handwerk und Gewerbe
Autor: Helmut Größ
Quelle: Quellen Diverse
Ort: Gemeinde Röhrmoos

