Wagner

Räder aus Holz, auch Vollräder oder Scheibenräder genannt, sind schon ca. 4000 v. Chr. im Zweistromland nachgewiesen. Aber auch bei Ausgrabungen in Oberschwaben wurden Reste von Scheibenrädern gefunden (Federseemuseum in Bad Buchau, datiert auf 2900 v. Chr.).[1] Speichenräder, also die leichtere Ausführung von Holzrädern, sind ab ca. 2000 v. Chr. nachgewiesen. Diese Räder, verbunden mit einem Traggestell oder Aufbau, wurden zum Wagen und waren ein wichtiges Transportmittel für Händler und für die römischen Kohorten auf ihren Kriegszügen. So gab es schon vor der Zeitenwende in den römischen Kastellen Wagner und Hufschmiede, die ihre Kenntnisse wohl auch an die heimische Bevölkerung weitergegeben haben.[2]

Die Handwerker Wagner und Hufschmied wurden eigene Berufszweige und im Laufe der Zeit zu dreijährigen Ausbildungsberufen. Neben der Wagnerei war in jedem Dorf ein Huf- und Wagenschmied zu finden (in Schwabhausen bis 1973), die meist in unmittelbarer Nachbarschaft angesiedelt waren, so auch in Schwabhausen die Hausnummern 14 und 16. Sie ergänzten sich bei vielen Arbeiten: Eisenbereifung von Speichenrädern für Bauernwagen, Kutschen und Schubkarren sowie Kufen von Schlitten, Metallringe bei Eisstöcken und manch andere Gebrauchsgegenstände. Die enge Verbundenheit dieser Berufe zeigt sich schon daran, dass die Schmiede und Wagner seit 1656 gemeinsam einer Zunft zugeordnet waren.[3]

Meistens betrieben die Wagner und Schmiede noch eine Landwirtschaft und hielten Pferde oder Ochsen zum Antrieb des Göpelwerks, eine Drehvorrichtung zum Antrieb von Arbeitsmaschinen. Erst im Laufe der Zeit wurden viele zu reinen Handwerkern.

Ab Mitte des 20. Jahrhunderts verlor der Beruf des Wagners an Bedeutung. Das Gummirad und Wagen mit Stahlrahmenaufbau verdrängten die bisherigen Holzkonstruktionen. So ist der Beruf des Wagners oder Stellmachers heute fast ausgestorben. Geblieben sind nur wenige Spezialisten für Kutschen und Stellwagen, Leiterwagen und evtl. noch Schlitten für die Winterarbeit der Waldbauern. Mancher Wagner war froh, wenn er seine Landwirtschaft nicht aufgegeben hatte und entschloss sich, die Landwirtschaft wieder intensiver zu betreiben.

Als die Nachfrage nach Holzrädern und Wagen sank, stellten viele Wagner ihre Angebote auf landwirtschaftliche Maschinen um und ließen sich zum Landmaschinenmechaniker oder Karosseriebauer umschulen bzw. ausbilden. Neue Berufe waren geboren.

 

Der letzte Wagner in Schwabhausen: Jakob Roth (1902 – 1986)[4]

 

Eigentlich hätte der Bruder von Jakob Roth die Wagnerei des Vaters Johann Roth übernehmen sollen, doch Anton starb 1918 an einer Kriegsverletzung. Deshalb folgte Jakob nach und erlernte das Wagnerhandwerk, um den Betrieb zu übernehmen. 1921 legte er seine Gesellenprüfung bei Wagnermeister Demel in Indersdorf ab.

Neben seinem Beruf als Wagner betrieb Jakob Roth auch eine kleine Landwirtschaft. Zu seinen Haupttätigkeiten gehörten der Bau von Wagenrädern, Leiter- und Truhenwagen, Kutschen, Schubkarren und Heuwagl, Stiele aller Art, Schlitten und sogar Ski, aber auch Leitern und Tore. In späteren Jahren widmete er sich anderen Holzarbeiten, wie Drechseln (Kerzenständer in allen Größen, Brotzeitteller und Schalen) und Schnitzen (Schützenscheiben, Rehe, Pferde, Muttergottesstatuen u.a.).

Die Werkzeuge des Wagners sind, in verschiedenen Größen und Ausführungen: Hammer, Stemmeisen, Zangen, Spannzangen, Hobel, Raspel, Schnitzmesser, Sägen, Schraubenzieher, Schrauben, Schraubzwingen, Bohrer, Messlatte und Zirkel.

Jakob Roth schrieb in seinen Erinnerungen von einer entscheidenden Arbeitserleichterung: „Im Jahr 1910 haben wir in Schwabhausen das Elektrische bekommen. Das war eine Errungenschaft, bloß mehr Kabel anstecken am Schalter, einschalten und gelaufen ist der Motor 1400 Umdrehungen schnell. Da hat man alles machen können. Noch dazu das elektrische Licht! War das ein großer Unterschied, zuvor hatten wir Petroleumlampen.“[5]

Man darf annehmen, dass sich die Gegebenheiten in der Wagnerei jahrhundertelang kaum wesentlich änderten. Als Antrieb wird ein 3-PS- Motor angeschafft und die Energie über eine Transmissionswelle mittels Breitbandriemen zu den einzelnen Maschinen übertragen, insgesamt eine große Hilfe und Erleichterung für den Wagner. Die Maschinen, die nun zum Einsatz kamen, waren Bandsäge, Bohrvorrichtung, Speichenzapfenfräser, Hobelmaschine, Drechselmaschine, sogar ein Stroh- und Heuhäcksler (= Gsott-Maschine) zur Aufbereitung des Viehfutters konnte angeschlossen werden.

1927 wurde die Werkstatt umgebaut. Der Werkstattboden, der zu tief im Erdboden lag und deshalb immer feucht war, wurde herausgebaut und angehoben, ebenso die Werkstattdecke. Das Gebäude wurde damit um 1,80 m höher. 1930 wurde das Wohnhaus, heute Augsburger Str.12, neu gebaut. Das alte einstöckige Wohnhaus, das ebenfalls zu tief im Boden stand, wurde abgerissen. Auf dem Platz des alten, gedrungenen Wohnhauses entstand ein zweistöckiger Bau. Ein Keller konnte wegen der Bodennässe nicht ausgehoben werden. Nach der Heuernte konnte der Innenausbau erledigt werden. Auf dem Dachboden wurde eine „Selchkammer“ eingerichtet, in der der Holzrauch aus der Küche die gesurten Schweinefleischstücke (Zenterlinge) für Monate haltbar machte. Doch die Zeit für den Innenausbau war knapp, denn am 9. Juli 1930 musste Jakob Roth die Meisterprüfung im Wagnerhandwerk ablegen.

Nachdem die Werkstatt und das Wohnhaus erneuert waren und die Meisterprüfung mit Auszeichnung bestanden war, konnte Jakob Roth an eine Familie denken. Am 14. Juli 1931 feierten Jakob Roth und Viktoria Stepper aus Oberroth Hochzeit. Sieben Kinder wurden in den folgenden Jahren geboren: Jakob, Johann, Konrad, Viktoria, Anton, Josef und Maria. Die Söhne Jakob und Konrad erlernten sogar noch das Wagnerhandwerk, ohne es dann zu ihrem Beruf zu machen.

Jakob Roth schreibt in seinen Erinnerungen über seine Arbeit als Wagner: „Die Bauern suchen ständig die Hilfe des Wagners. Gerne nützen sie die Mittagszeit, um kleine Reparaturen sofort erledigt zu bekommen. Rechnungen für die erledigten Arbeiten und Reparaturen während eines Jahres werden nach den üblichen Gepflogenheiten am Ende des Jahres gestellt. Die ausstehenden Beträge müssen bei den Kunden in Schwabhausen und Umgebung selber eingeholt werden.“[6]

Die Herstellung eines Speichenrades ist die Wagnerarbeit schlechthin und war der ganze Stolz von Jakob Roth, so erzählt sein Sohn Anton: „Es soll nicht nur rundum gut aussehen, es muss auch für Jahrzehnte die Stabilität behalten. Viele Arbeitsschritte und Maschinen greifen bei diesem Vorhaben ineinander.“[7]

 

Wie der Wagner ein Rad baut

 

Anton Roth erzählte im Interview, wie sein Vater ein Wagenrad herstellte: Die Bandsäge, etwa 2 Meter hoch, ist eine der wichtigsten Maschinen in der Werkstatt. Die Holzart wird passend für ihre Verwendung ausgesucht. Für die Radnabe wird wegen der Festigkeit ein Stück Eichenrundholz verwendet, die Speichen sind aus gerade gewachsenem Eschenholz und die Felgen aus hartem Buchenholz. Der Eichenblock wird in die Drechselmaschine eingespannt und mit der Schruppröhre und dem Flachmeißel in die endgültige Form gebracht. Mit zwei feinen Rillen legt der Wagner die Speichenbreite sichtbar auf der Nabe fest. Ein wichtiger Maschinenteil ist die Bohrmaschine, mit der er die zwölf Speichenlöcher gleichmäßig verteilt in die Nabe bohrt. „Mein Vater putzte [sauber bearbeiten, Anm. E.S.] auf der Werkbank die eingespannten Speichenrohlinge mit Schnitzmesser, Handhobel und Ziehklinge. Er legte dabei großen Wert auf gleiches Aussehen der 12 Speichen. Dabei half ihm das durch viele Jahre geschulte Auge.“ Die Nabe wird für die konische Stahlbuchse durchbohrt und mit einem Löffelbohrer entsprechend ausgeweitet. Bei großen Wagenrädern (6 Felgen und 12 Speichen) wird dies mit einer speziellen Handbohr-Vorrichtung erstellt. Vor dem Einschlagen der Speichen legt der Wagner die Nabe für einige Stunden in heißes Wasser, damit das Holz weich und geschmeidig wird, ohne zu reißen. Nun wird die Nabe auf den Radstock (betonierte Grube im Werkstattboden) gelegt. Mit kräftigen Schlägen des schweren Schlegels treibt er die Speichenzapfen in die Nabe. „Diese Schläge waren im ganzen Haus zu hören und zu spüren“, so erzählt Anton Roth. Das Speichen-Nabensystem ist für große Belastung ausgelegt. In das Achsloch wird eine konische, gegen Verdrehung gesicherte Stahlbuchse geschoben.

Die Räder eines Wagens stehen nicht senkrecht, sondern neigen sich oben leicht nach außen und unten entsprechend nach innen, denn die Achse ist im Bereich der Buchsen leicht nach unten geneigt, was die Stabilität erhöht. Zudem baut der Wagner die Speichen nicht senkrecht in die Nabe, sondern lässt sie leicht nach außen und die Felgen leicht nach innen neigen, wodurch das Rad mit seiner ganzen Lauffläche auf der Straße liegt. Nach weiteren Arbeitsschritten kontrolliert der Wagner die Passung und legt exakt die Zapfenbohrung an den Felgen fest. Die sechs Felgen werden aufgebohrt und rundum auf die Speichen aufgeschlagen. Auf der Hobelmaschine befestigt er nun seine Vorrichtung zur genauen Runddrehung des Rades. „Vor dem Gang zum Schmied hobelte mein Vater die Felgen noch auf beiden Seiten ab. So erhielt das Rad den letzten Schliff.“

Der Schmied baut für das Rad einen Eisenreifen, der im Durchmesser etwas kleiner als der des Holzrades ist. Der Reifen wird in der Esse fast auf Rotglut gebracht und dehnt sich dabei aus. Schnell schlägt ihn der Schmied auf das Rad, das augenblicklich zu rauchen beginnt. „Für uns Kinder war dies immer ein spannender Moment“, erzählt Anton Roth. Zum sofortigen Abkühlen und Zusammenziehen wird der Reifen in kaltem Wasser abgeschreckt. Dann sitzt der Eisenreifen fest auf den Felgen.

Konrad Roth, der Bruder von Anton hat in seinen Erinnerungen festgehalten: „In den Nachkriegsjahren hat Jakob Roth begonnen, Schi zu bauen, zunächst für die eigene Familie. Etwas abenteuerlich war die Herstellung der aufgebogenen Schispitzen. Zunächst wurde ein Eschenbrett, 1–2 cm dick, in Form gesägt und geputzt. Die Holzlatte wurde dann mit Zangen auf ein entsprechend geformtes Eisen gespannt und in der Küche in ein heißes Dampfbad gesteckt. Die Zangen mussten mehrmals nachgespannt werden. Anschließend mussten die Latten abkühlen, bevor sie ausgespannt werden durften. Nur so behielten sie die Form. Wie begeistert die Hausfrau war, kann man sich lebhaft vorstellen.“[8]

In regelmäßigen Abständen wurden die Werkzeuge kontrolliert und aufbereitet. So wurden die Drechseleisen an der Schleifmaschine und an Schleifsteinen geschärft. Bandsägeblätter wurden an einer Schärfmaschine im Handbetrieb gefeilt und die Schränkzange machte das Sägeblatt wieder leichtgängig. Gerissene Sägeblätter wurden selber gelötet und fein gefeilt, um den Kauf eines neuen Sägeblattes zu vermeiden.

 

Alltag in der Wagner-Familie

 

Der Tagesablauf war weitgehend festgelegt, erzählt Anton Roth: „Zur Stallarbeit, wie Tiere füttern, melken, misten, musste schon gegen 5 Uhr aufgestanden werden. Wer von uns beruflich nach München fuhr, musste den Frühzug um 6 Uhr erreichen. Gegen 7 Uhr gab es ein einfaches Frühstück: Brotsuppe mit Kartoffeln oder Kaffee mit Brot. Wenig Abwechslung gab es im wöchentlichen Speiseplan. Viele Jahre saßen wir bis zu neunt am Tisch. Wir Kinder schliefen im Obergeschoss. Die Zimmer waren nicht beheizt, so dass die Fenster im Winter häufig mit Eisblumen bedeckt waren. Unser Vater betätigte sich auch in vielen Ehrenämtern. So war er in der Pfarrgemeinde Ministrant, später in der Kirchenverwaltung und mehr als 50 Jahre Sänger im Kirchenchor. Im Sportverein betätigte er sich als Turner und Fußballtorwart. Außerdem war er im Schützenverein und aktiv bei der Flurbereinigung.“

1967 übernahm Jakob Roths Sohn Konrad den Besitz und betrieb noch einige Jahre gemeinsam mit seinem Vater die Landwirtschaft und die Wagnerei. Im Laufe der Jahre wurden auch die Reparaturarbeiten immer weniger. Jakob Roth drechselte in der Winterzeit noch Radnaben auf Vorrat. Sie lagerten auf dem Dachboden des Hauses. Es war nicht vorauszusehen, dass sie kaum noch gebraucht werden würden. So fand die Wagnerei Roth in den 70-Jahren ihr Ende. Wagnermeister Jakob Roth starb 1986 und damit nach mehr als dreihundert Jahren auch das Wagnerhandwerk in Schwabhausen.

 



[1] Führer zum Federseemuseum in 88422 Bad Buchau mit archäologischem Freigelände und Moorlehrpfad (neu aufgelegt im Jahr 2000)

[2] Zum Beruf des Wagners vgl. auch: Stöckle, Frieder und Bauer, Roland: Vom Wagner, aus dem Holz die Felge formen. Alte Handwerker, die letzten ihrer Zunft. Kosmos Verlags-GmbH 1991. Und: Der letzte Wagner von Vierkirchen. Erzählt von Josef Reisenegger und Therese Lehmair. In: Haus, Hof und Heimat 2005, H. 2, S. 1-4

[3] Rüffelmacher, Ingeborg: Ehrsames Handwerk. (Kulturgeschichte des Dachauer Landes, Bd. 5) Museumsverein Dachau e.V. 1992, S. 28

[4] Interviews mit Anton Roth (geb. 1939) am 22.1.2021, am 4.2.2021 und am 5.3.2021.

[5] Erinnerungen von Jakob Roth (1902 – 1986), unveröffentlichte Aufzeichnungen aus den 1970er Jahren, archiviert bei Anton Roth

[6] Schwabhausen – Von der Poststation zur Großgemeinde. Chronik eines Dorfes. Hrsg. v. Autoren- und Redaktionsteam Ortschronik Schwabhausen. Schwabhausen 2005, S. 288

[7] Interview mit Anton Roth, wie Anm. 4

[8] Erinnerungen von Konrad Roth, archiviert bei Anton Roth


Thema: Arbeitswelten - Geschichte(n) über Handwerk und Gewerbe
Autor: Ernst Spiegel
Quelle: Name nicht genannt
Ort: Gemeinde Schwabhausen