Weber
Als Weben bezeichnet man die Verarbeitung von Garnen zu Textilien. (lat.: "textor" heißt Weber). Diese Verarbeitung erfolgt durch Webstühle, die früher per Fuß oder Hand, später dann maschinell betrieben wurden. Dabei wurden die Längsfäden, "Ketten" genannt, mit den Querfäden, dem "Schuss" verwoben.
Das Weben ist grundsätzlich mit allen Arten von Garnen möglich, z. B. Lein/Flachs, Schafwolle, Baumwolle, Seide etc. Im Industriezeitalter wurde vor allem die Baumwolle verwendet, die von den Industrieländern billig aus den Kolonien importiert wurde. Das klassische Beispiel ist die indische Baumwolle für die englische Textilindustrie. Einen informativen Einblick in die Maschinenweberei erhält man im Textilmuseum in Augsburg. Noch um 1970 boten alle Augsburger Textilfabriken zusammen 20.000 Arbeitsplätze, fast ein Zehntel der Einwohnerzahl. Dann setzte recht schnell der Niedergang der Textilproduktion ein, in Augsburg sowie auch in Krefeld und in anderen Textilstädten. Heute werden Textilien vor allem in asiatischen Entwicklungsländern produziert, teilweise immer noch unter Einsatz von Kinderarbeit, und billig, oft viel zu billig, in die EU geliefert.
"Kinderarbeit", wenn man darunter die Mithilfe der Kinder bei der bäuerlichen und handwerklichen Arbeit versteht, gab es auch früher auf dem Land, z.B. im Dachauer Land, auch in der Weberei und in der Gewinnung von Flachs. Dort gab es viele Weber, wie die alten Hausnamen verraten. Das Handwerk der Weber war oft gekoppelt mit der kleinen Landwirtschaft eines Häuslers. Diese Weber verarbeiteten vor allem Lein (lat. linum), auch Flachs genannt, eine blau blühende Pflanze aus der Familie der etwa 200 Leingewächse, die um das Dorf auf den Feldern ausgesät wurde.
Der Unterschied im Wortgebrauch „Lein“ und „Flachs“ ist kein inhaltlicher, sondern bezieht sich auf den Prozess der Verarbeitung. Als Lein wird die Pflanze als solche bezeichnet, als Flachs dann die Fasern, die geriffelt, gewässert, getrocknet, gewendet, gehechelt, gereinigt, wieder getrocknet und schließlich versponnen und verwebt werden. Das Endprodukt heißt dann wieder Leinen. Eine genaue und anschauliche Beschreibung dieser dörflichen Flachsarbeit anhand von Bildern und Texten findet sich in dem Buch „Bezirksmuseum Dachau“.[1] Alle Familienmitglieder halfen in den unterschiedlichen Phasen der Herstellung mit. An der Vielzahl der Arbeitsschritte von der Leinpflanze bis zum Bettlaken, zur Tischdecke und Arbeitskleidung kann man ersehen, welche eine harte Arbeit es auch für Frauen und Kinder war. Es wurde möglichst alles verwertet. Die feinsten Fasern wurden zu Garn versponnen, zu Leinen gewebt und daraus Kleidung geschneidert.[2] Die anderen Fasern verwendete man für Leinentücher und aus den groben Fasern machte man Sackleinen. Der Abfall wurde als Dichtungsmaterial genommen.
Der Beruf des Webers war sehr verbreitet. Von 1770 bis 1780 zählte das Landgericht Dachau 143 Leinweber.[3]
Im Bezirksmuseum Dachau kann man neben einem Webstuhl auch einen großen Hochzeitswagen mit der Brautausstattung einer wohlhabenden Bauernfamilie sehen. Die Mitgift war der Stolz der Brauteltern und eine Demonstration von ländlichem Reichtum. Zu dieser Mitgift gehörte natürlich auch viel Leinen, je weißer, desto wertvoller.
Die handwerkliche Weberei wurde immer wieder durch Krisen zurückgeworfen, egal ob dieses Handwerk das Haupteinkommen der Familie bildete oder zusammen mit einer kleinen Landwirtschaft betrieben wurde. Für die weitreichende maschinelle Konkurrenz gibt es ein historisch einprägsames Bild: den Aufstand der schlesischen Weber im Jahr 1844 gegen ihre Industrie-Konkurrenten und ihr Aufkaufen der Handwerksware durch sogenannte Verleger – das waren Zwischenhändler – zu Billigpreisen. Gerhard Hauptmann hat dies in seinem Bühnenstück „Die Weber“ 1892 verarbeitet. Seit der Liberalisierung des Welthandels unter der Kanzlerschaft Bismarcks und dann nach dem Ersten Weltkrieg, vor allem in den 1920er Jahren, bedrohte die billige Importware das ländliche Handwerk.[4] Trotzdem hielten sich die handwerklichen Weber in Bayern und im Landkreis Dachau noch bis in die 1950er Jahre. Seit ca.1960 wurde die Leinenproduktion so unbedeutend, dass sie von da an in den landwirtschaftlichen Statistiken gar nicht mehr auftauchte. In Nordfrankreich, Belgien und den Niederlanden gab es diesen Rückgang nicht, die Leinproduktion hat dort sowohl mehr Tradition als auch mehr Zukunft.
Der letzte Weber von Vierkirchen
In den 1960er Jahren endete auch die handwerkliche Leinenweberei von Georg Groß in Jedenhofen, Haus Nr. 5 ½, Hausname "Beim Heißbauer".[5]
Er war der letzte Weber in der Gemeinde Vierkirchen, zu der Jedenhofen damals gehörte und auch heute noch gehört. Weil die Leinenstoffe seit den 1950er Jahren immer weniger gefragt waren, fertigte er auf seinem Webstuhl zuletzt nur noch so genannte Fleckerlteppiche. Bei seinem Tod im Jahr 1962, so erinnert sich sein Enkel Hans Groß, hatte Georg Groß noch zehn Ballen gewebtes Leinen, die nicht mehr gefragt waren und deshalb einfach übriggeblieben sind. Dass es aber Generationen vorher auf den Dörfern noch viele Weber gab, meist Leinenweber, sieht man an den Hausnamen „Beim Weber“ in Pasenbach, Nr. 4, in Rettenbach, Nr. 1 oder „Beim Rotweber“ in Vierkirchen, Nr. 23. Zur Herstellung der Fleckerlteppiche in seiner letzten Phase als Weber lieferten ihm die Kunden oft eigenes Material, beispielsweise alte Nylonstrümpfe, Stoffreste und gebrauchte Kleidung, die er in Streifen schnitt und zu Teppichbahnen in verschiedenen Breiten verwebte. Sein Webstuhl steht heute noch – voll funktionstüchtig – im Heimatmuseum Haimhausen.
Georg Groß wurde 1875 in Jedenhofen geboren, als Sohn von Matthias Groß aus Pasenbach, Haus Nr. 38, ebenfalls Weber, und seiner Frau Anna, geb. Kraus. Er war das älteste von sieben Kindern, zwei Söhne und fünf Töchter, ein normaler Kinderreichtum für diese Zeit. Matthias Groß hatte den Heißbauernhof 1872 gekauft.
Auch der Großvater von Georg, er hieß ebenfalls Mathias, war Weber und Häusler. Der Heißbauernhof in Jedenhofen, eine Neugründung von 1812, war sehr klein, nicht einmal ein Tagwerk. Eine Weberei war ein häufiger Zuerwerb von Häuslern und Kleinbauern, die etwas Feldfrüchte anbauten und wenig Vieh hielten.
Auch Georg Groß hielt Vieh, zwei Kühe und zwei Schweine, dazu noch Hühner. Ein halber Hektar Land war sein Eigen, wie sein Enkel Hans erzählt. Die Kühe wurden anstatt Ochsen oder Pferden zur Heuernte als Zugtiere eingespannt. Aber auch zwei Berufe, Weber und Häusler, genügten nicht für den Lebensunterhalt. Er führte zudem im Auftrag und mit fachlichen Kenntnissen Maurerarbeiten für die Bauern aus. Außerdem war seine Hilfe beim Krautschneiden gefragt. Wenn die Zeit des Einmachens kam, zog er mit seinem selbst gebauten Krauthobel zu den Bauern, die seine Hilfe brauchten.
Georg Groß und Anna, geb. Schallmair, heirateten 1912 und hatten vier Kinder, die Söhne Johann, Georg und Josef sowie eine Tochter Therese, die älteste der Geschwister. Dreien der Kinder war ein längeres Leben beschieden, Georg starb 1944 mit nur 22 Jahren in einem Wiener Lazarett, nachdem er im Zweiten Weltkrieg in Russland verwundet wurde. Der Jüngste, Josef, wurde Studienrat in Freising. Dazu brauchte man neben Begabung und Fleiß auch die elterliche Förderung, was für Georg Groß und seine Frau angesichts ihrer bescheidenen Lebensverhältnisse sicher nicht einfach war.
Freizeit in unserem Sinne gab es natürlich nicht. Georg Groß‘ Sohn Johannes, gestorben 2010, musste stets mithelfen. An gemeinsame Spaziergänge oder sonstige Freizeitaktivitäten mit dem Großvater erinnert sich der Enkel Hans nicht. Auch Wirtshausbesuche konnte sich Georg Groß kaum leisten, im Gegensatz zu den Bauern und vielen anderen Handwerkern. Sein Enkel Hans erinnert sich aber, wie sein Großvater gerne zu Fuß von Jedenhofen nach Esterhofen ging, um in der Metzgerei Großmann seine geliebten Würste zu kaufen. Ansonsten beschreibt ihn eine frühere Nachbarin, die als Mesnerin in der kleinen Dorfkirche St. Nikolaus gearbeitet hat, als ruhig und zurückgezogen, etwas eigenbrötlerisch, die tägliche Arbeit stand stets im Vordergrund.
[1] Heres, Horst: Vom Lein zum Faden. In: Bezirksmuseum Dachau. (Kulturgeschichte des Dachauer Landes, Bd.11). Museumsverein Dachau e.V.1988, S. 85-87.
[2] Ebd., S. 85
[3] Lorenz Westenrieder (Hg.): Beyträge zur vaterländischen Historie, Geographie, Statistik und Landwirthschaft samt einer Uebersicht der schönen Literatur. Bd. 4, München: Lindauer Verlag 1792, S. 255
[4] Karl Erich Born. Von der Reichsgründung bis zum Ersten Weltkrieg. IN: Gebhardt. Handbuch der deutschen Geschichte. Bd. 16. Stuttgart 1975, S. 53
[5] Interview mit Hans Groß, Enkel von Georg Groß, am 20.9.2020
Thema: Arbeitswelten - Geschichte(n) über Handwerk und Gewerbe
Autor: Bernhard Weber
Quelle: Ludwig Endres
Ort: Gemeinde Vierkirchen


