Fotografin und Fotograf

Die Situation der Fotografen und Fotografinnen, ihrer Betriebe und Tätigkeiten, erlebte seit der Entstehung der ersten Fotoateliers in Stadt und Landkreis Dachau einen beachtlichen Wandel. Die Ausbreitung der Fotografie ragte bis in das Alltagsleben von breiteren Bevölkerungsschichten hinein. Was waren Fotografen und Fotografinnen früher und wie hat sich dieses Berufsbild verändert? Sind sie Handwerker, Lichtbildner, Gestalter oder Fotokünstler? Sie sind wohl alles zusammen, und genau das macht ihre Tätigkeit so enorm interessant.[1] Zwischenzeitlich gibt es neben dem immer mehr in Bedrängnis geratenen traditionellen Handwerksbetrieb „Fotogeschäft“ und den angestellten oder selbständigen Fotografen zahlreiche neue Unternehmungen und Dienstleistungen rund um das Thema Fotografie. Große Elektronik- und Drogeriefachmärkte, Onlineshops und Foto-Services im Internet sind im Rahmen der Digitalisierung der Fotografie seit den 1990er Jahren zu ernsten Konkurrenten geworden. Obwohl heute fast jeder eine Kamera zu Hause hat, selbst wenn es ein Smartphone ist, und uns tagtäglich unzählige Fotografien in allen möglichen Lebenssituationen begegnen, ist wohl nur den wenigsten klar, welche grundlegenden und umfangreichen Fähigkeiten bei der Entstehung von wirklich professionellen Aufnahmen tatsächlich erforderlich sind. Der Beruf der Fotografin und des Fotografen zeichnet sich durch eine hohe Vielseitigkeit aus und entwickelt sich aus seinen Anfängen im 19. Jahrhundert immer weiter.

Waren fotografische Ateliers früher vor allem in größeren Städten wie etwa in München zu finden, so breiteten sie sich später allmählich in die kleinstädtische und ländliche Umgebung aus, auch nach Dachau und in den Landkreis.

Das Fotografenhandwerk wurde damals vorrangig nicht zum Broterwerb, sondern neben dem eigentlichen Hauptberuf ausgeübt. Da gestaltete man dann schon mal kurzerhand den Friseurladen oder das Maleratelier zum Fotoatelier um. Im Zeitalter der digitalen Fotografie, der für jedermann erschwinglichen kompakten Kameras und fast unbegrenzten Speicherkapazitäten für Fotos, vermag man sich kaum vorstellen, dass es einmal eine Zeit gab, in der das alles nicht möglich war. Was die Profession der Fotografen ausmacht, und wie sich dieser Beruf in der Dachauer Gegend im Laufe der Jahre verändert hat, wird hier sehr deutlich im Gespräch mit einer stadtbekannten Persönlichkeit und einem Meister dieses Fachs.

 

Die Anfänge der Fotografie

 

Es war ein weiter Weg mit vielen Schritten und Entdeckungen, ausgehend von den ersten Bildern, die überhaupt jemals auf eine Fläche projiziert werden konnten. Von der Herstellung dauerhafter Abzüge von Fotos, der Entwicklung verschiedenster Fotoapparate – von der Feinmechanik bis zur Elektronik – entwickelte sich die Fotografie zum Massenphänomen mit der Möglichkeit, mithilfe digitaler Datenträger und vollelektronischer Kameras eine Vielzahl von Bildern zu produzieren und zu speichern. Joseph Niepce war der Erste, dem es 1826 gelang, ein beständiges Bild auf eine lichtempfindliche Schicht zu bannen. Als Hilfe dazu diente ihm eine Camera Obscura, deren Funktion Leonardo da Vinci bereits im 16. Jahrhundert beschrieben hatte. Mit seinem Partner Daguerre gelang es einige Jahre später, auch mit kürzeren Belichtungszeiten dauerhafte Bilder anzufertigen, leider nur als Unikate.[2]

Nach den ursprünglichen, eher umständlich zu handhabenden, immer an ein Stativ gebundenen Plattenkameras, gab es schließlich mit der Erfindung des Rollfilms durch William Walker und der legendären „Kodak Nr.1“ von George Eastman 1889 die Möglichkeit, mehrere Bilder hintereinander zu machen.[3] Einen ähnlich richtungsweisenden Innovationsschub gab es dann erst in den 1990er Jahren wieder, mit der Verfügbarkeit entsprechender Elektronik für die Digitalfotografie. Die zahlreichen Entwicklungen forderten die lokalen Fotohändler heraus, technologisch immer auf dem Laufenden zu bleiben und sowohl professionellen Fotografen als auch Hobby-Fotografen entsprechende Produkte anzubieten.

 

Die Vielseitigkeit der Fotografie: Kunstwerke, Landschaftsbilder und Journalismus

 

Die frühe Fotografie ab Mitte des 19. Jahrhunderts, die sich auch in Dachau allmählich durchzusetzen begann, zeichnete sich zunächst dadurch aus, dass die bis dahin üblichen gemalten Portraits immer mehr durch Fotoaufnahmen ersetzt wurden. Dem Portraitmaler stand nun der Portraitfotograf in Konkurrenz gegenüber. Die Nachfrage nach solchen Portraits stieg, denn Fotografien waren deutlich billiger und rascher fertiggestellt als Ölgemälde.[4] Zudem wurden von vielen Gemälden Fotos angefertigt, die man dann den Kunstinteressierten präsentieren konnte. Mancher Künstler wiederum nahm Fotografien als Vorlage, um diese dann z.B. in Öl auf der Leinwand umzusetzen. Die Fotografie wirkte insofern auf die Malerei zurück und übte so ihren Einfluss aus.[5] Die Malerinnen und Maler, auch in der Künstlerkolonie Dachau, erkannten rasch die Möglichkeiten der neuen Technik, als Beispiel sei hier Hermann Stockmann genannt.[6] So war es nicht ungewöhnlich, dass sie sich zusätzlich oder anstelle der Malerei mit der Fotografie befassten.

Auch zahlreiche Frauen nahmen die Möglichkeiten des neuen Mediums Fotografie in Anspruch. Dort waren sie von Beginn mehr gleichberechtigt als etwa in der Bildhauerkunst oder in der Malerei. Bereits 1866 gab es in Berlin die erste „Photographische Lehranstalt“, nur für das weibliche Geschlecht.[7] Die ausgebildeten Berufsfotografinnen konnten sich mit der Fotografie den Lebensunterhalt verdienen und trugen mit ihrer ganz speziellen Sichtweise wesentlich zur Entwicklung des Berufs bei.[8] Die Pressefotografin Maria Penz (1897-1983), einige Jahre wohnhaft im Pfarrhof von St. Jakob in Dachau, dokumentierte ab 1938 das Alltagsleben in Dachau und München sowie zahlreiche Veranstaltungen.[9]

Als weiterer Bereich entstand die Kunstfotografie, bei der man versuchte, mit Hilfe der Kamera die Malerei zu imitieren. Künstlerische Fotos gerieten immer mehr in den Blickpunkt, wurden so auch zunehmend Bestandteil von Ausstellungen und von einem breiten Publikum anerkannt. Sie rückten bezüglich der ausgestellten Objekte zahlenmäßig häufig sogar auf den zweiten Platz hinter den Ölgemälden, so war es etwa bei einer Präsentation im Münchner Kunstverein um 1860 der Fall.[10] Die Fotografie als Kunstform hatte insbesondere das Anliegen, nicht allein die bloße Realität darzustellen, sondern über das rein mechanische Verfahren hinaus auch Gemütszustände und spezielle Bildaussagen im Motiv festzuhalten. Den Fotografen und Fotografinnen stand es frei, eigene Bildwirklichkeiten und persönliche Interpretationen mit ihren Aufnahmen zu vermitteln.

Um die Jahrhundertwende gewann auch die journalistische Fotografie an Bedeutung und fand zunehmend Eingang in die Tageszeitungen. Es wurde üblich, Zeitungen und Illustrierte mit Fotos zu versehen, da nun immer mehr moderne Rotationsdruckmaschinen zur Verfügung standen. Durch die Online-Medien finden Fotografien heute eine noch wesentlich stärkere Verbreitung. Das erste Foto, das jemals im weltweiten Netz unterwegs war, wurde 1992 im damals noch nagelneuen Internet hochgeladen:[11] Eine “Girlsband”, die anlässlich eines Auftritts am Forschungsinstitut Cern in der Schweiz von einem der dortigen IT-Entwickler fotografiert und ins Netz gestellt wurde. Zeit zum Hochladen: eine Stunde!

Die Landschaftsfotografie, die sich mit der Natur und der menschlichen Umwelt auseinandersetzt, spielte ebenso eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Fotografie. Freilichtmalerei und Fotografie inspirierten sich gegenseitig. Bereits um 1850 gab es in Frankreich sogenannte „Malerfotografen“, die durch die Natur streiften, um dort Motive auf fotografische Platten zu bannen. Dabei wurde der Fotografie von Kritikern zunächst kein künstlerischer Wert zugesprochen, sie wurde vielmehr als „Dienerin der Wissenschaften und Künste“ gesehen. Erst gegen Ende des Jahrhunderts hatte sie sich dann endgültig ihren Platz als eigenständige Kunstform erobert. Speziell in Dachau entstand durch die sich rasch verbreitende Landschaftsfotografie, die als „Fortsetzung der Landschaftsmalerei mit anderen Mitteln“ verstanden werden kann, eine Konkurrenz zur angestammten Landschaftsmalerei.

 

Die ersten Fotografen in Dachau

 

Einer der ersten Dachauer Fotografen, Joseph Baumüller, hatte, wie die meisten Fotografen in jener Zeit, ein anderes Handwerk erlernt, nämlich das des Baders. Als er 1890 nach Dachau kam, eröffnete er einen Friseurladen, in dem er sich auch als Zahnarzt betätigte. Seine große Leidenschaft aber galt der Fotografie, weshalb für die Anfertigung professioneller Portraitaufnahmen, Fotos für Hochzeiten und andere Anlässe, das Friseurgeschäft für solche Gelegenheiten dann kurzerhand in ein Fotoatelier umgewandelt wurde. Für die Kunden und Kundinnen war es sehr praktisch, nach dem Haareschneiden noch Fotos machen lassen zu können, wie etwa für ein Ausweisdokument. Joseph Baumüllers Hobby, die Stereofotografie, war ihm ebenfalls sehr wichtig. Dabei entstanden viele noch erhaltene Aufnahmen von Dachau und der Umgebung. Zu dieser Zeit war die Stereofotografie, bei der von einem Motiv jeweils zwei ähnliche Einzelbilder angefertigt wurden, die bei den Betrachtern den Eindruck des dreidimensionalen Raumes wiedergaben und damit der natürlichen Sehweise sehr nahekamen, gerade wieder sehr populär.[12]

Überhaupt arbeiteten viele Fotografen und Fotografinnen in ihrem Metier nur nebenberuflich, einige davon ausgehend von ihrem Ursprungsberuf als Kunstmaler oder Kunstmalerin. Für die Ausübung ihrer künstlerischen Tätigkeit war Tageslicht und deshalb ein Atelier mit einer guten Belichtung notwendig. Dasselbe galt auch für die Fotografen, da für ihre Arbeit die Beleuchtung mit Kunstlichtquellen zur damaligen Zeit noch nicht ausreichte. So suchten viele nach einem passenden Atelier. 1910 zog Gustav W. Hiebel, „Photograph und Portraitmaler“, mit seinem „Atelier für Lichtbildkunst und Malerei“ in geeignete Räume des Anwesens der Familie Wittmann in der Augsburger Straße 6.[13] Dort entstand eine Postkartenmappe mit 12 Fotomotiven „posierender Dachauerinnen“, auf denen Modelle in Tracht als Vorlagen für Maler dienten. Manche präsentierten sich darüber hinaus auch persönlich als „lebende Modelle“, selbstverständlich gegen ein entsprechendes Entgelt. Die Aufnahmen wurden nach dem Vorbild der Genremalerei mit entsprechender Kleidung und Requisiten vor einer passenden Kulisse aufgenommen. So fotografierte etwa der Dachauer Fotograf Leopold Gabler die Frau eines Dachauer Brauereibesitzers in ihrer traditionellen Brauttracht.[14]

Die Fotografie war zu dieser Zeit bereits einer größeren Öffentlichkeit zugänglich und wurde zunehmend zum Hilfsmittel der Malerei. Künstler experimentierten damit, was sich in den Naturstudien, Motiven und Nachlässen von Dachauer und Münchner Malern zeigt.[15] Es gab damals auch in Dachau und im Umland Fotografen, die sich auf Naturfotografie spezialisierten. Johann Mertl, Stuckateur und Steinmetz aus Dachau, verband seine Leidenschaft für die Natur und die Vogelbeobachtung mit dem Fotografieren von aussagekräftigen Landschafts- und Tiermotiven. Zunächst verwendete er dazu eine Mentor-Klapp-Kamera, später dann eine Leica Kleinbildkamera, ab 1936 erstellte er auch Agfa Colorbild Farbfotos. Die älteste Aufnahme aus seinem Nachlass, die gerade noch rechtzeitig buchstäblich aus dem Müll gerettet werden konnte, stammt von 1924. Von unschätzbarem Wert sind dabei seine Naturaufnahmen aus dem Dachauer Moos, in dem damals schon Entwässerungsmaßnahmen durchgeführt wurden. Für Josef Koller, der ab den 1970er Jahren ebenfalls zahlreiche Fotos von Naturmotiven machte und sie in Büchern publizierte, ist Johann Mertl „der Vater der Dachauer Naturfotografenschule“.[16]

 

Das Fotostudio Sessner – die Anfänge

 

Im Jahr 1929 eröffnete Paul Sessner sen., von Beruf ursprünglich Feinmechaniker, seine erste „Photohandlung“ in Dachau. Den passenden Standort fand er auf dem Anwesen der Glaserei Krebs in der Augsburger Straße 14. Zuvor volontierte er beim alten Herrn Wacker, einem Vertreter der ersten Fotografen Gilde in Dachau, um das Handwerk des Fotografen zu erlernen. Nach der Aussage Wackers: „Du kannst gut malen. Wenn du gut malen kannst, dann kannst du auch gut fotografieren“[17] war er überzeugt davon, dass die Fotografie für ihn das Richtige war und so hängte er seinen erlernten Beruf an den Nagel. Wacker betrieb in Dachau Süd ein umgewandeltes Maleratelier für seine Fotoarbeiten und wies den jungen Nachfolger in alle Feinheiten seiner Profession ein. Paul Sessner schaute ihm über die Schulter, lernte alles, was notwendig war und begleitete ihn auch zu Außenaufnahmen bei den Bauern auf dem Dorf. Damals fuhr man noch mit dem Fahrrad und der Fotoausrüstung zu den Kunden. Wacker übergab sein Geschäft schließlich an Paul Sessner, der damit das Atelier für Glasmalerei bezog, das entsprechend große Fenster und damit genügend Licht hatte.[18]

Alle benötigten Geräte nahm er aus dem alten Wacker-Atelier mit. Während der NS-Zeit konfiszierte jedoch die SS den Großteil seiner Einrichtung, um es für den Aufbau eines eigenen Fotostudios auf ihrem Gelände in Dachau Ost zu verwenden. Paul Sessner sen. ließ sich dadurch nicht unterkriegen. Nun kamen ihm glücklicherweise seine Fertigkeiten aus dem erlernten Beruf zugute. Er konnte sich nämlich das fehlende und wieder benötigte Zubehör selbst anfertigen, auch weil alle Betriebsanleitungen aus dem vormaligen Wacker-Atelier noch vorhanden waren. Besonders interessant ist die Tatsache, dass sich Paul Sessner das Material für seine Konstruktionen größtenteils bei der dort stationierten Flakstellung der Wehrmacht in der Nähe von Mariabrunn zusammensuchen konnte. Er war bei den Verantwortlichen bestens bekannt, da er inzwischen als Leiter einer kleinen Polizeiwache in Dachau tätig war. So baute er sich unter anderem ein Kopiergerät für Fotos, in das die Negative hineingelegt wurden. Von unten beleuchtet, ließen sie sich dadurch auf Papier übertragen und fertig waren die Abzüge. Auch eine Apparatur zum Vergrößern von Bildern kam hinzu. Zwei von Sessners Töchtern wurden angelernt, die Geräte zu bedienen, denn es wurde jede Hand gebraucht, da das Geschäft sehr gut lief. Die Nachfrage nach Passbildern und Portraits stieg, und gerade während der Kriegsjahre benötigte man zahlreiche Sterbebildchen.

Wie noch heute, wurden im hauseigenen Fotoatelier außerdem Fotos von Brautpaaren, Familien, Kommunionkindern und Firmlingen nebst ihren Paten angefertigt. Dazu war es mit Requisiten wie Stuhl, Tischchen, und Vorhängen ausgestattet, um die entsprechende Kulisse zu bieten und auch, um sich bei Bedarf zwanglos anlehnen zu können. Selbstverständlich erschien man zum Fototermin in bester Sonntagskleidung oder auch in Tracht.

Leonore Kiener, die ein sehr lebhaftes Kind war, fiel es bei Aufnahmen im Studio immer besonders schwer, länger stillzuhalten. Noch dazu fand sie den dortigen dunklen Vorhang unheimlich.[19] Häufig waren zusätzlich Aufträge für Außenaufnahmen auszuführen. Der Laden hatte auch am Sonntag bis mittags geöffnet, da an diesem Tag in Dachau der Markt stattfand und viele Leute in die Stadt kamen.

Da das Interesse an der Fotografie in der Bevölkerung stetig zunahm, reichte ein reines Fotografiergeschäft irgendwann nicht mehr aus. Deshalb bezog Paul Sessner sen. 1955 größere Räume in der Freisinger Straße und konnte dort nun auch Fotoapparate und Zubehör anbieten. Neben Kleinbildkameras, die den Aktionsradius der Fotografen sehr erweiterten, gab es nun auch Spiegelreflexkameras, und immer mehr Kunden griffen zum Farbfilm, der erstmals 1936 von Agfa hergestellt wurde. Diese Neuerungen bewirkten gravierende Änderungen in der Fotografie und beeinflussten das Fotografierverhalten der Menschen und deren Alltag.

 

Neue Anforderungen und Tätigkeitsbereiche – der Fotograf Paul Sessner jun.


Immer wichtiger wurde der Bereich Modefotografie, das Ablichten von Bildstrecken für Magazine, Reise- und Architekturfotografie. Zu dieser Zeit stiegen nun auch Sohn Paul Sessner jun. und seine Schwester Cilly ins väterliche Geschäft mit ein. 1965 erfolgte schließlich der Umzug der Fotohandlung in die Münchner Straße 35, wo sie sich auch heute noch befindet.[20]

Im Alter von etwa 14 Jahren bekam Paul Sessner jun. seine erste Kamera und begleitete von da an seinen Vater bisweilen auf dessen Fototouren. Manche davon blieben ihm dabei in besonderer Erinnerung. Paul Sessner sen. zeigte seinem Sohn etwa bei Spaziergängen im Schleißheimer und Erdinger Moos, was man unbedingt noch fotografieren sollte, bevor das nicht mehr möglich sein würde: „Das sind die Moosbauern, die den Torf stechen, in zehn, fünfzehn Jahren gibt es die nicht mehr.“ Sohn Paul machte nebenbei ebenfalls Aufnahmen: „Er hat mir einen Apparat gegeben, eine alte Klappkamera, da war ein Rollfilm drin, acht Aufnahmen 6x19, da hast du schon gespart.“ Die Bilder sah sich der Vater dann kritisch, aber mit Wohlwollen an. „Er hat es begutachtet, er hat es kritisiert, positiv kritisiert.“ Das Interesse an der Fotografie war beim Sohn auf jeden Fall geweckt, denn Paul Sessner jun. blieb dabei. Bei einem Werbefotografen in München Schwabing machte er mit großer Begeisterung eine Lehre und besuchte zudem die dortige Lehranstalt für Fotografie, an der er seine Ausbildung mit Bravour abschloss. Nach der Gehilfenprüfung kam er etwa zwei Stunden früher als geplant nach Dachau zurück und erklärte den erschrockenen Eltern, die annahmen, dass er durchgefallen wäre, dass er im Gegenteil die Prüfung „im triumphalen Alleingang“ besonders gut geschafft hatte. Der Lehrherr machte auch Werbebilder für BMW. So kam sein Lehrling im dortigen Werk mit einer ganz speziellen Art der Fotografie in Kontakt: „Das mit BMW war eine wunderbare Begegnung mit der technischen Fotografie.“

Fotografie als anerkannter Ausbildungsberuf ist nur eine Möglichkeit. In der Zwischenzeit kamen noch andere Ausbildungswege hinzu, wie etwa ein Hochschulstudium an der Fakultät für Bildende Künste mit Bachelor und Masterabschluss. In München werden hierzu beispielsweise die Abschlüsse „Media Design“, „Fotografie und Bewegtbild“ und „Freie Kunst – Fotografie“ angeboten. In diesen Studiengängen steht die Fotografie als Kunstform und eigenständiges künstlerisches Fach im Vordergrund.

Am beruflichen Werdegang der Sessners kann man besonders gut verschiedene Entwicklungen in der Fotografie und beim Fotografenberuf mitverfolgen. Neben seiner Arbeit im Fotoladen widmete sich Paul Sessner jun. noch einer weiteren bedeutenden Aufgabe, seiner Tätigkeit als Presse- und Standbild-Fotograf beim Bayerischen Rundfunk, er war in dieser Funktion der erste seiner Art. Mit knapp 20 Jahren stellte er sich beim BR in der Münchner Lothstraße vor. An dieser Adresse wurde im April 1953 ein Fernseh-Versuchsbetrieb eingerichtet. Dort wurde Sessner vorstellig: „Ich bin der neue Fotograf“, sagte er, betonte dazu, dass sie einen besseren als ihn nicht finden würden und wurde tatsächlich vom Produktionsleiter für die Probesendungen eingestellt. Er konnte dabei die Fotokamera übernehmen. Außerdem waren noch zwei Fernsehkameras vorhanden. Da es im gleichen Gebäude, in dem das Fernsehstudio betrieben wurde, in gutem Einvernehmen auch ein Heim für blinde Menschen gab, kursierte bald der Spruch: „In der Blindenanstalt wird das Fernsehen begründet.“

Paul Sessner jun. kaufte sich eine Rolleiflex und führte für Foto- und Pressetermine immer zwei Kameras mit sich, eine für schwarz-weiße und eine für farbige Bilder. Pressebilder waren in den 50er Jahren noch größtenteils in Schwarz-Weiß, denn sie ließen sich kostengünstiger und einfacher herstellen. Zunehmend wurde allerdings immer mehr auf Farbe umgestellt, auch weil die großen Illustrierten Farbdias verlangten. Paul Sessner stellte schon sehr frühzeitig fest, dass sich sein Interesse und Arbeitsstil von dem des Vaters in einigen Punkten unterschied. Der Vater war eher der Handwerker, der Sohn dagegen derjenige, der ein Gespür für besondere Motive, Blickwinkel und das Festhalten von Stimmungen und Momenten hatte. Er wollte etwas erschaffen, eine bestimmte Sichtweise darstellen. „Ich bin kein Handwerker, sondern der mit den Augen. Ich bin der Optiker.“ Seine Fotos tragen durch spezielle Betrachtungsweisen und Auswahl der Objekte, gepaart mit hoher Fachkompetenz, ganz unverkennbar seine Handschrift.

So eignete sich Paul Sessner, der sich als Lichtbildner und Fotokünstler versteht, in seiner Fotografenlaufbahn eine ganz individuelle Vorgehensweise an. „Wenn ich auf ein Motiv zugegangen bin, dann habe ich schon gesehen, was ich für ein Objektiv brauche und was ich für ein Licht brauche, auf was ich warten muss, das muss man dann wissen. Ich schreibe mir zugute, dass ich mir das mehr oder weniger selber beigebracht habe.“

Am Beispiel des Fotohauses Sessner kann dargestellt werden, was heute notwendig ist, um im sich wandelnden Umfeld auch lokal erfolgreich bestehen zu können. In modern ausgestatteten Fotostudios müssen die Fotografen und Fotografinnen in der Lage sein, alle Kundenwünsche, vom Babybauch-Shooting bis zur hochwertigen Portraitaufnahme, professionell zu erfüllen. Dabei wird für eine lockere Stimmung und angenehme Umgebung gesorgt, die Kunden sollen sich vor der Kamera wohlfühlen.[21] Vorbei die Zeiten, als man noch möglichst unbeweglich in einer bestimmten Haltung vor einer eher düsteren Kulisse verharren musste. Auch Außenaufnahmen an ausgewählten Locations sind möglich, ebenso weitere Aufträge wie beispielsweise Architektur- und Werbefotografie. Ein ausgewähltes Sortiment an Fotokameras und Zubehör rundet das Ganze ab. Kompetente Dienstleistungen verhindern die allzu große Abwanderung zu Internetanbietern. So wird heute bei Hochzeiten oft ganztätig ein Fotograf oder eine Fotografin gebucht, um diesen besonderen Tag mit einer Foto-Dokumentation festzuhalten.

Ebenso sind gute Geschäftsbeziehungen hilfreich, wie sie beispielsweise Sessner jun. durch seine Tätigkeit beim Bayerischen Rundfunk aufbauen konnte. Dort und durch seine Aufträge für Fotodokumentationen in Büchern, für Veranstaltungen und Fernsehproduktionen, bei Projekten im In- und Ausland, hatte Paul Sessner Kontakt zu vielen bekannten Persönlichkeiten.

Manch ein Ergebnis davon und weitere schöne Bilder, konnten dann Kunden oder Spaziergänger im Schaufenster von Foto Sessner bewundern, es war so etwas wie „das frühe Facebook für uns Kinder.“[22]

Eine gewisse Berühmtheit erlangte „Foto Video Sessner“ auch als Drehort, z.B. für eine Folge der Serie „Mordkommission“ und durch den Besuch mancher Bildschirmgrößen wie Gustl Bayrhammer, der natürlich auch Autogramme verteilte.[23]

Für das mehrbändige Werk des früheren Oberbürgermeisters Lorenz Reitmeier „Dachau – Ansichten aus zwölf Jahrhunderten“[24] fertigte Paul Sessner etwa 18.000 Farbaufnahmen von Gemälden Dachauer Maler und Malerinnen an. Dafür reiste er an verschiedene Orte, auch in der ehemaligen DDR. „Sogar die böse DDR hat uns nüberlassn, mit dem Tarnwort ‚Hilfe für die Kultur‘“, erzählte er schmunzelnd. Es gibt zahlreiche weitere Bildbände mit sehr sehenswerten Aufnahmen von Dachau und der Umgebung. Vergleicht man diese miteinander, so kann man sehr gut nachverfolgen, wie sich die Art zu Fotografieren und die Auswahl der Motive im Lauf der Jahre verändert haben. Als Beispiele seien hier der 1976 entstandene Band „Dachauer Land“[25] und der 2005 erschienene Titel „Dachau Bilder“[26] genannt. Schon allein der Unterschied in der Anzahl von Schwarz-Weiß und Farbaufnahmen ist interessant. Das zeigt unter anderem auch, dass Farbbilder früher aufwendiger zu produzieren und teurer waren.

 

Die Verbreitung der Fotografie

 

Das Geschäft eines ehemaligen weiteren Fotografen in Dachau, Foto Hofmann[27] in der Mittermayer Straße 16, ging über ins heutige Studio P1 Fotografie, geführt vom Fotografenmeister Pfreimbtner.

Erwähnt werden soll hier noch der Fotograf Siegfried Scheibner, den sein Weg 1959 nach Dachau führte. Er hat viele Jahre lang Dachauer Künstler und Künstlerinnen bei ihrer Tätigkeit fotografisch begleitet. Die dabei entstandenen Fotodokumente, die er inzwischen dem Stadtarchiv Dachau übergeben hat, sind eine unschätzbar wertvolle Sammlung von außergewöhnlichen und sehr persönlichen Bildern über die Künstler und Künstlerinnen. Auch seine Einstellung zum Fotografenberuf ist sehr interessant. Er selbst nennt seine Kreationen „Lichtzeichnungen“ und bemerkt dazu: „Sie müssen das Bild komponieren und gestalten.“[28] 

 

Es hat sich sehr viel getan in der Fotografie und den Bereichen, die damit zusammenhängen. In den meisten Städten, auch in Dachau, gibt es Fotoclubs zum Austausch unter Gleichgesinnten. Es werden diverse Workshops für Bildbearbeitung und Fotokurse angeboten, Fotowettbewerbe und Fototouren durchgeführt. Von Gelegenheitsknipsenden über fähige Hobbyfotografierende bis zu professionellen Fotografen und Fotografinnen kann jeder sein Spezialgebiet in der Fotografie finden.

Möglich wurde das alles durch die Digitalisierung, die eine nachhaltige Veränderung der Fotografie bewirkte. Kompakte Kameras, Speicherkarten, Bearbeitung auf dem Computer mit Programmen für eine nahezu beliebige Bildmanipulation, machten die Fotografie zum Massenmarkt und veränderten die Profi-Fotografie.

Viele Fotografen und Fotografinnen mit oder ohne eigenen Laden haben sich inzwischen in Dachau und den umliegenden Gemeinden angesiedelt. Eines der aktuellen Bücher mit vielen Fotos aus der Gegend, wurde vom hier ansässigen Fotografen Paul Eschbach verfasst, der sich größtenteils auf Landschaftsfotografie spezialisiert hat und auch Foto Kurse anbietet. Der Band über das barocke Kanalsystem zwischen Dachau und Schleißheim enthält auch viele Luftbilder, deren Anfertigung ganz spezielle Herausforderungen darstellen.[29] Paul Sessner, bis heute immer noch als leidenschaftlicher Fotograf unterwegs, hatte zuletzt mit einer Auswahl seiner immensen Bildersammlung anlässlich einer Ausstellung im Dachauer Wasserturm die Gelegenheit, einiges aus seinem interessanten Fotografenleben zu erzählen. Die angebotenen Veranstaltungen fanden unter dem Motto: „Paul Sessner, der Lichtbildner - Ansichten, Blickwinkel, Durchblicke, Sichtweisen, Lichtblicke“ statt. Diese Begriffe geben eine wunderbar treffende Zusammenfassung des Themas Fotografieren wieder.[30]

 



[1] Ganter, Hubert: Was war ein Fotograf früher? Bühlertal 2019

[2] Lowe, Paul: Die Geschichte der Fotografie. Von der Camera obscura bis Instagram. München, London, New York 2021, S. 26ff.

[3] Ebd. S. 52f und 110.

[4] Koetzle, Hans-Michael, Martin, Anja, Zollner, Manfred: Geschichte der Fotografie. In: Fotomagazin, Hamburg 19.08.2020, https://www.fotomagazin.de/bild/geschichte-der-fotografie, abgerufen am 12.08.2021

[5] Wittmann, Cornelius: Dachau um 1900. Frühe Fotografie in Dachau. Dachau 2004, S.160

[6] Zweckverband Dachauer Galerien und Museen (Hrsg.): Künstlerkolonie Dachau. Dachau 2013

[7] Vitten, Anne: Professionalisierung und Vernetzung. Berufsfotografinnen im 19. und 20. Jahrhundert. In: Zeitschrift Fotogeschichte Heft 149, Kromsdorf bei Weimar 2018, S. 59–62

[8] Hoenen, Anja: Werke herausragender Fotografinnen des 20. Jahrhunderts. Ausstellung „Womanfotografer“. Freiraum für Fotografie. Berlin 2019

[9] Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.): frauenobjektiv. Fotografinnen 1940 bis 1950, Bonn 2001

[10] Wittmann, wie Anm. 5, S. 160

[11] Elke Bodderas: Das erste Foto im damals nagelneuen Internet. In: Welt Online 13.07.2012, https://www.welt.de/vermischtes/article108286019/Das-erste-Foto-im-damals-nagelneuen-Internet.html , abgerufen am 10.8.2021

[12] Zweckverband Dachauer Galerien und Museen, Nauderer, Ursula K. u.a.: Joseph Baumüller (1868-1938) „Dachau“ - Zwölf Stereografien, Bezirksmuseum Dachau. Dachau 2001

[13] Wittmann, wie Anm. 5, S. 156

[14] Ebd. S. 159

[15] Ebd. S. 160

[16] Koller, Josef: Johann Mertl – ein fast vergessener Naturfotograf aus dem Dachauer Land. In: Amperland 16 (1980), S. 31-48

[17] Interview mit Paul Sessner jun. (geb. am 16.05.1933) am 15.02.2021. Die Aussagen von Paul Sessner jun. sind diesem Interview entnommen.

[18] Chronik Foto Sessner, 1965 – 2014, Zeitungsartikel

[19] Gespräch mit Leonore Kiener (geb. am 24.01.1932) am 13.02.2021

[20] Aus der Geschichte einer Dachauer Fotografenfamilie. 50 Jahre Foto Sessner. Zeitungsausschnitt aus den Dachauer Nachrichten vom 22.02.1979

[21] Öxler, Alexander: 90 Jahre Foto Sessner – Die Bilder - Geschichtenerzähler. Kurier Dachau vom 21.11.2019

[22] Eschbach, Paul: Foto Sessner GmbH Dachau, Delta Image Fotografie, Dachau 2018

[23] Chronik Foto Sessner, wie Anm. 18

[24] Reitmeier, Lorenz: Dachau - Ansichten und Zeugnisse aus 12 Jahrhunderten. 4 Bände, Stadt Dachau 1976- 1986

[25] Kiermeier, Klaus (Hg.): Dachauer Land. Der Landkreis, die große Kreisstadt und die Gemeinden im Bild. Dachau 1976

[26] Schäfer, Bärbel; Thon, Helmut: Dachau Bilder. Dachau 2005

[27] Dieser frühere Foto Hofmann ist nicht zu verwechseln mit dem sogenannten „Hitlerfotografen“ Heinrich Hoffmann in München, der mit Bildern im Rahmen der NS-Propaganda gute Geschäfte machte.

[28] Schiegl, Gregor, Fotografie: Der Mann mit der Kamera. Süddeutsche Zeitung, Dachau 14.09.2018

[29] Eschbach, Paul, wie Anm. 22

[30] Paul Sessner, der Lichtbildner. Ein Leben mit und für die Fotografie. Ausstellung im Wasserturm Dachau, 19.-28.09.2014


Thema: Arbeitswelten - Geschichte(n) über Handwerk und Gewerbe
Autor: Cornelia Reim
Quelle: Quellen Diverse
Ort: Stadt Dachau

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